Testbericht Marleaux Votan Deluxe 5 Baroque



Testbericht aus "BassQuarterly" (04/2009)
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Gerald Marleaux machte in der Jugend aus der Not eine Tugend. Da er im Alter von vierzehn Jahren einen E-Bass benötigte, aber kein Geld hatte, baute er sich kurzerhand seinen eigenen. Mittlerweile hat er sich mit seiner Basswerkstatt in Clausthal-Zellerfeld einen Namen mit hochwertigen Instrumenten in der internationalen Bassistenwelt erarbeitet. Da ich seit über dreizehn Jahren selbst begeisterter Marleaux-Basser bin, freute ich mich dieses Mal besonders auf meinen neuen Testkandidaten. Votan heißt der Gute. Das erinnert an den germanischen Gott Wotan, der mächtig und erhaben auf seinem Götterthron sitzt.

Von Thomas Bugert

Ein Schmuckstück ist der Bass im wahrsten Sinne des Wortes. Angelehnt an die Fender Paisley Instrumente aus den Siebziger Jahren, entstand in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Lina aus Hamburg ein außerordentliches Design. So rankt sich über den ganzen Korpus ein verspieltes Rosenmuster mit Blättern und Schnörkeln. Dazwischen tummeln sich auf der Vorder-  und Rückseite Engelchen. „Barock“ ist genau die Assoziation, die als erstes beim Betrachten dieses Kunstwerkes entsteht. Hier verschwimmt dann auch die Grenze zwischen Musikinstrument und Kunstwerk. Genau genommen habe ich hier einen Prototyp vor mir. Wie so oft entstand die Idee beim abendlichen Bierchen mit dem Bassisten Jürgen Attig. Die Oberfläche ist ein Kunstdruck auf hauchdünnem Seidenpapier. Dieses wird dann direkt in den Lack mit eingearbeitet und geht somit eine dauerhafte Verbindung mit dem Bass ein. Mit dieser Kunstdruckvariante gibt es quasi unendlich viele Möglichkeiten, das Design des Basses individuell zu gestalten. Hier liegt ja auch die Stärke des kleinen Riesen aus Clausthal-Zellerfeld. Prinzipiell ist der Bass, wie alles aus der Basswerkstatt, natürlich auch als Vier- und Sechssaiter zu haben. Andere Hölzer und Tonabnehmer sind ebenfalls kein Problem. Individuelle Handarbeit Made in Germany.

Äußeres
Vom Design her orientiert sich der Marleaux-Bass klar an der Tradition von Fender und Musicman. Sowohl die Kopfplatte mit der klassischen Anordnung der Mechaniken sowie die Korpusform sind an die großen Vorbilder angelehnt und gewissermaßen eine Symbiose aus beiden. Entsprechend sind auch Hals und Griffbrett aus Ahorn. Ganz traditionell hat der Votan 22 Bünde. Offen gestanden, bin ich soundso nicht der große Spieler von Bund 23 und 24 – so fällt das in der Praxis wohl auch gar  nicht auf. Dann ist jedoch auch schon weitgehend Schluss mit der Verbeugung vor der Tradition, und die Moderne zeigt ihr Gesicht. Der Korpus ist einteilig aus Dibetou, einem afrikanischen Holz, das aus der Familie der Mahagonihölzer stammt.

Verarbeitet ist das gute Stück tadellos. Hier gibt es nichts zu meckern. Der Hals ist mit sechs Schrauben superstabil am Korpus befestigt. Die Schrauben für das Batteriefach und die Elektronikabdeckung laufen in extra eingesetzten metrischen Gewindehülsen. Von der Firma Schaller sind wie immer die Stimm-Mechaniken, jedoch in einer extraleichten Spezialanfertigung für Marleaux. Die Brücke ist ein Produkt von ETS und in allen Variationen einstellbar. Besonders erfreulich: der Nullbund des Votan. So ist der Klangunterschied zwischen gegriffener Saite und Leersaite elegant umgangen. Ein besonderes Feature ist auch der in zwei Richtungen einstellbare Halsstab. Hiermit lässt sich der Hals nicht nur spannen und entspannen, sondern auch in die entgegen gesetzte Richtung ausrichten. Auf Nachfrage erfahre ich von Gerald Marleaux, dass es in bestimmten Regionen der Welt, vorzugsweise in Asien, aufgrund der Luftfeuchtigkeit vorkommen kann, das die Saitenspannung nicht ausreicht, um den Hals genügend nach vorne zu bringen. Hier erweist sich mancher Bass mit traditionellem Halsstab dann als unbrauchbar, wenn er sich nicht mehr einstellen lässt.

Inneres
Die Tonabnehmer sind Spezialanfertigungen des deutschen Herstellers Delano. Hier fällt gleich auf, dass diese durchdacht sind, denn es gibt extra auf der Oberseite eine ergonomisch geformte Daumenstütze! Die Spulen des Pickups sind nach dem Vorbild des Precision-Tonabnehmers breit gewickelt. Gespeist werden selbige von einer zweibandigen Aktiv-/Passiv-Elektronik von Marleaux/Behn. Mit dieser eröffnet sich dann auch das Reich der tausend Möglichkeiten. Jeder Pickup kann mit einem Kippschalter von Singlecoil- auf Humbucker-Modus umgestellt werden. Bei letztgenannter Möglichkeit gibt es noch die Auswahl seriell oder parallel. Mit einem Balance-Regler können diese Signale beliebig gemischt werden. Der Lautstärkeregler dient gleichzeitig als Umschalter zwischen Aktiv- und Passivmodus. Im Passivbetrieb gibt es ganz standardmäßig eine Höhenblende. Für den Aktivbetrieb existiert ein Doppel-Poti mit Bass- und Höhenregelung. Ein besonderes Feature an der Klangregelung ist, dass der Höhenregler nicht – wie sonst üblich – als Hochpass, sondern als Bandpass konzipiert ist. Dies soll die Höhen weniger spitz klingen lassen und Störgeräusche mehr unterdrücken.

Praxis
Durch die traditionelle Form fühle ich mich auf dem Votan von Anfang an sehr wohl. Da hier jedoch im Gegensatz zum Vorbild der untere Cutaway etwas weiter ist, lassen sich alle Lagen bequem spielen. Nachdem ich meinen Gurt an die Schaller Securitylocks geklinkt habe, hängt der Marleaux  stabil in jeder Lage. Schon beim trockenen Spielen fällt der knurrige, runde und obertonreiche Sound auf. Nun will ich das gute Teil einmal einstöpseln. Zunächst fällt mir auf, dass der Bass im Passivmodus eingestellt ist. Erst beim Herausziehen des Volumenreglers wird dieser aktiv. An dieser Stelle wird bereits klar: Der passive Modus ist nicht, wie sonst oft üblich, die Notvariante, falls die Batterie einmal leer ist, sondern eine eigenständige Soundbank für klassische Sounds. Schon hier lassen sich – ausgehend von einer Singlecoil-Schaltung beider Tonabnehmer, die den klassischen Fender-Sound abbilden – eine Menge Sounds erreichen. Für die moderneren Klänge und noch mehr Druck gibt es dann den aktiven Modus. Das Resultat: fette R&B-, Slap- und Popsounds. Da der Bass mit einer aktiven und einer passiven Klangregelung ausgestattet ist, lässt sich durch Ziehen des Volumenreglers gleichzeitig auch zwischen zwei verschiedenen Sounds umschalten. Der knurrige Unplugged-Charakter des Votan ist stets präsent und setzt sich im Bandkontext klar durch. Klangvielfalt ist bei diesem Bass nicht nur eine Floskel. Mit dem Instrument kann man aus dem Vollen schöpfen und ist soundmäßig immer vorne mit dabei.

Resümee
Gerald Marleaux stellt mit diesem Instrument erneut ein Meisterstück vor und schafft die Symbiose aus Tradition und Moderne. Der Votan Deluxe 5 Baroque ist ein perfekt gearbeitetes Instrument mit einer unglaublichen Klangvielfalt. Durch die innovative Oberflächengestaltung gibt es nahezu  unbegrenzte Möglichkeiten bei der optischen Gestaltung des individuellen Instrumentes. 


Details
Hersteller: Marleaux
Modell: Votan Deluxe 5 Baroque
Herkunftsland: Deutschland
Basstyp: Solidbody, 5-Saiter
Korpus: einteilig Dibetou
Hals: Ahorn
Halsbefestigung: geschraubt
Griffbrett: Ahorn
Bünde: 22
Mensur: 864 mm
Halsbreite 1./12. Bund: 48 mm / 68 mm
Elektronik aktiv/passiv: Marleaux/Behn
Stromversorgung: 9 Volt / 0,4 mA
Regler: Vol, Bal, Bass (70Hz), Höhen 8kHz Passiv Höhen
Schalter: Singlecoil, Humbucker seriell/parallel
Pickup: passiv; 2x Delano Xtender Humbucker
Brücke: ETS
Mechaniken: Schaller
Gewicht: 4,36 kg
Preis: 2.700 Euro / Baroque Design zusätzlich 800 Euro
Zubehör: Saiten Marleaux 0.45 – 1.28
Gestestet mit: Boss Me 50 & Craaftamps

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